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48 Sekunden ändern vieles

«Aussergewöhnlich»: Die Fahrzeitbeschleunigung zwischen Winterthur und Weinfelden ist eine bauliche Herausforderung. Doch der Aufwand lohnt sich.

Lokomotivführer
Lokomotivführer Daniel Bauer aus Frauenfeld weiss um die Herausforderungen des Gleisunterhalts: «Die Unterlagen laufen jetzt schon ruhig. Dass nun weitere Bahnhöfe behindertengerecht ausgebaut werden und wir kreuzungsfrei fahren können, ist das ‹Tüpfchen auf dem i›.» (Bild: Roman Salzmann)

48 Sekunden: So viel Zeit sollen die Fernverkehrszüge zwischen Winterthur und Weinfelden nach der Fahrzeitbeschleunigung einsparen. «Das mag im ersten Moment nach wenig tönen», sagt Jürg Zimmermann, Netzentwickler Ostschweiz bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). «Diese 48 Sekunden erlauben jedoch erhebliche Verbesserungen
der Anschlüsse».

Ein Fünftel mehr Tempo

Heute verkehren die Reisezüge zwischen Winterthur und Weinfelden mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 125 Kilometer in der Stunde. Neu werden sie zwischen Rickenbach-Attikon und Weinfelden bis zu 150 Kilometer pro Stunde fahren können – zumindest abschnittsweise. Lokomotivführer Daniel Bauer aus Frauenfeld freut sich, denn: «Wir sind nicht nur schneller, es wird auch komfortabler. Vor allem aber können wir Energie sparen, wenn wir weniger bremsen müssen. So kann auch ich diese Strecke während der Arbeit im schönen Thurgau noch mehr geniessen.» Ihren vollen Nutzen entfalte die Fahrzeitverkürzung in Kombination mit den neuen Abfahrtszeiten der Fernverkehrszüge aus dem Bahnhof Zürich Löwenstrasse ab Dezember 2018, erklärt Jürg Zimmermann. Konkret verbessern sich mit der Einführung des Fahrplans 2019 die Anschlussbeziehungen an den
Thurgauer Bahnhöfen Kreuzlingen und Romanshorn: Ab dem 10. Dezember 2018 entstehen dort zwischen der S8 Schaffhausen – Kreuzlingen – Romanshorn, der S7 Romanshorn – Rorschach und dem Fernverkehr eine Viertelstunde vor und nach der vollen Stunde schlanke Anschlüsse von drei bis sechs Minuten. Die Reisezeiten ab der Seelinie in Richtung Zürich verkürzen sich sogar um mehr als zehn Minuten. Die Anpassung des S-Bahn- sowie des Busverkehrs an die kürzeren Fahrzeiten der Schnellzüge von Zürich führt auch andernorts zu schlankeren und teilweise regelmässigeren Anschlüssen. Damit nicht genug: Die beiden Bahnhöfe Islikon und Felben-Wellhausen werden behindertengerecht ausgebaut.

Unterbau, Schotter, Gleisrost

Umgesetzt wird die Fahrzeitbeschleunigung mit verschiedenen Massnahmen: Weil durch die höheren Geschwindigkeiten auch eine höhere Belastung der Gleise entsteht, muss zunächst einmal die Fahrbahn an die neuen Anforderungen angepasst werden. Dazu werden abschnittsweise der Unterbau saniert, neuer Schotter aufgeschüttet und gefestigt und zusätzlich der Gleisrost – also die Schienen und die Schwellen – erneuert. «Auch die Signale müssen auf die neuen Geschwindigkeiten ausgerichtet werden», erklärt Jürg Zimmermann. Entsprechend seien Anpassungen in den Stellwerken nötig.

S-Bahn macht den Weg frei

Um die schlankeren Anschlüsse zu gewährleisten, reichen die Beschleunigungsmassnahmen alleine nicht aus. Beim Bahnhof Märstetten wird zusätzlich ein Spurwechsel eingebaut, damit die vorausfahrende S-Bahn die Strecke für den nachfolgenden Fernverkehrszug früher frei machen kann. Zimmermann bezeichnet die Fahrzeitbeschleunigung zwischen Winterthur und Weinfelden schweizweit als «aussergewöhnlich». Solche Massnahmen zur Reduktion der Fahrzeit würden nur selten umgesetzt. In anderen Fällen seien es meistens nur punktuelle Massnahmen, wie beispielsweise der Einbau einer schneller befahrbaren Weiche oder Anpassungen der Signalstandorte, damit sich die Züge in kürzerem Abstand folgen können.

Arbeiten gehen weiter

Parallel zum Projekt der Fahrzeitreduktion finden auf der Strecke Frauenfeld – Weinfelden demnächst Unterhaltsarbeiten statt. Weil die Fahrleitung das Ende ihrer Lebensdauer erreicht hat, muss sie ersetzt werden. Deshalb ist die Strecke im Hochsommer für neun Tage komplett gesperrt. Die Reisenden werden mit Bahnersatzbussen transportiert. Wegen kleinerer Anpassungen an der Bahninfrastruktur für die Fahrzeitverkürzung wird die S8 zwischen Oberwinterthur und Frauenfeld bereits ab Anfang Mai bis Ende Juli ausserhalb der Hauptverkehrszeiten durch Busse ersetzt. Weitere Ausbauten sowie Unterhaltsarbeiten und damit verbundene Streckensperrungen sind bis ins Jahr 2020 auf dem ganzen Thurgauer Schienennetz vorgesehen. Sie alle sind nötig, um das Fahrplanangebot wie geplant ausbauen zu können. Eine Übersicht zu den im laufenden Jahr anstehenden Streckensperrungen liefert die nachfolgende Grafik.

App informiert automatisch

Jürg Zimmermann betont, dass die SBB und ihre Partner alles daran setzen, den Reisenden verlässliche Ersatzkonzepte und Informationen anzubieten. Zu diesem Zweck werden an den von Zugsausfällen betroffenen Bahnhöfen frühzeitig Plakataushänge gemacht und die Informationen parallel via Medien verbreitet. Während der Sperrungen selber stehen an den Bahnhöfen zusätzlich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der SBB im Einsatz, um die Reisenden zu informieren. Zimmermann empfiehlt den Passagieren aber auch, den Online-Fahrplan oder die App SBB Mobile zu konsultieren, um sich frühzeitig über Änderungen zu informieren. Er verweist dabei auf die Reisebegleiter-Funktion der App: Pendler, die eine Strecke häufig nutzen, können diese zu ihren Reisen hinzufügen und erhalten bei allen Änderungen automatische Push-Meldungen.
www.sbb.ch/fahrplan


Informationen zu den Streckensperrungen im Thurgau finden Sie in der aktuellen Ausgabe .

(Text: Cyrill Rüegger)