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«Es waren noch nicht alle bereit»

Im Thurgau gibt es besonders viele Drittverkaufsstellen für ÖV-Billette. Sie sollen vorläufig bestehen bleiben. Auch Kioskbesitzerin Margarethe Klees profitiert vom Ticketverkauf. Sie ist sich aber bewusst: «Die Zukunft liegt im Internet.»

Margarethe Klees und ihre Kollegin Katrin Harder verkaufen am Bahnhofskiosk in Ermatingen nicht nur Zeitungen und Kaugummis, sondern auch ÖV-Billette.

In der Schweiz gibt es rund 50 Drittverkaufsstellen für ÖV-Dienstleistungen. Zehn davon befinden sich im Thurgau. Meist sind es Poststellen oder Shops wie Migrolino und Avec. Es gibt aber auch kleinere, zum Beispiel den privaten Kiosk von Margarethe Klees am Bahnhof Ermatingen. Seit zehn Jahren verkauft sie neben Zeitungen, Kaffees und Kaugummis auch Zugbillette – auf Provision. Das Geschäft läuft gut. Rund einen Drittel ihres Umsatzes erwirtschaftet sie damit.

Nicht aufzuhalten
Margarethe Klees und ihr Team kennen sich mit den vielfältigen ÖV-Angeboten aus und verkaufen fast alle möglichen Abonnemente und Billette. «Sogar komplizierte internationale Fahrten», ergänzt Klees. «Man merkt aber, dass immer mehr ÖV-Billette an Automaten oder online gekauft werden.» Für die Österreicherin ist das jedoch kein Grund, den alten Zeiten nachzutrauern. Sie betont vielmehr: «Das ist ja auch gut so.» Die Entwicklung, dass immer mehr Geschäfte online abgewickelt werden, lasse sich ohnehin nicht aufhalten.  SBB-Sprecher Oli Dischoe bestätigt: Rund 90 Prozent des Sortiments könnten bereits online oder über Automaten bezogen werden. Und der Trend zu den elektronischen Kanälen verstärke sich laufend. Der Verkauf via Dritte verliere hingegen an Bedeutung. Er mache unter einem Prozent am Gesamtumsatz aus und die Tendenz sei weiter sinkend. Dass die SBB die Drittverkaufsstellen deshalb schliessen möchten, kann Margarethe Klees nachvollziehen. Der ursprünglich angesetzte Termin auf Ende 2017 sei aber zu kurzfristig gewesen: «Gerade die älteren Leute sind noch nicht bereit.»

Kurse machen ÖV-Nutzer fit
Im letzten September stimmte nach dem Nationalrat auch der Ständerat dem Moratorium für den Serviceabbau bei den SBB-Drittverkaufsstellen zu. Wie gefordert, bieten die SBB den Drittverkaufsstellen nun neue Zusammenarbeitsverträge bis Ende 2020 an. Was danach
geschieht, ist noch offen. Klar ist aber, dass digitale Billettverkäufe zugunsten der physischen weiter zunehmen werden. Dank Smartphone-Applikationen wie «FAIRTIQ» stehen schon heute digitale Angebote zur Verfügung, die das Ticket sogar ganz überflüssig machen. Viele Gemeinden und Organisationen wie Pro Senectute reagieren darauf und bieten Kurse für die Benützung von Billettautomaten und Apps an. Die SBB unterstützen die Kunden beim Ticketkauf ihrerseits via Gratis-Telefonnummer (0800 11 44 77). Margarethe Klees ist sich bewusst, dass sie in ihrem Kiosk nicht mehr ewig Zugbillette verkaufen wird. Trotzdem blickt sie optimistisch in die Zukunft: «Wir werden eine Lösung finden. Es ist ohnehin falsch, nur eingleisig unterwegs zu sein.» Und letztlich dürfe man bei der ganzen Diskussion um die Verkaufsstellen nie vergessen, dass die Schweiz ein extrem gut ausgebautes ÖV-Netz habe. Gerade als Österreicherin in einer kleinen Gemeinde wie Ermatingen wisse sie das zu schätzen.


(Text: Cyrill Rüegger, Bild: Roman Salzmann)