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Sie striegeln die «Zebras»

In der Werkhalle am Bahnhof Wil fahren die Züge der Frauenfeld-Wil-Bahn ein und aus. Michael Vogt und sein Team bringen sie auf Vordermann. Das braucht heute ganz andere Fähigkeiten als früher.

Es ist kurz vor 8 Uhr an diesem Mittwochmorgen. Das Tor der grossen Werkhalle öffnet sich langsam und lässt die ersten Sonnenstrahlen herein. Draussen wartet schon der rot-weiss-gemusterte Zug der Frauenfeld-Wil-Bahn (FWB). Roman Zirnsak setzt das «Zebra» in Bewegung. Nun beginnen die riesigen, gelben Bürsten der Waschanlage zu drehen. Innert Kürze entsteht eine Wolke aus feinem Wasserdampf, durch die sich der Zug vorwärtsbewegt. «Sauberkeit ist extrem wichtig», sagt Michael Vogt, der die Szenerie aus etwas Entfernung beobachtet. «Sie ist der erste Eindruck, den die Passagiere von einem Zug gewinnen und damit vom ganzen Transportunternehmen.»

Macht sich auch im digitalen Zeitalter gerne die Hände dreckig: Michael Vogt. Er leitet die Werkstatt in Wil, in der sein Team die Züge der Frauenfeld-Wil-Bahn in Schuss hält.

Den «Bähnler» im Blut
Die Werkhalle am Bahnhof Wil ist grosszügig, wenn auch nicht riesig. Gebaut wurde sie Anfang der 1980er-Jahre. Seither werden hier die Züge der Frauenfeld- Wil-Bahn gereinigt, gewartet und revidiert. Bis 2015 durch die FWB. Seither ist die Service-Abteilung von Stadler dafür zuständig. Genauer gesagt das elfköpfige Team von Betriebsleiter Michael Vogt. Er habe den «Bähnler» quasi im Blut, sagt der gross gewachsene Thurgauer mit dem markanten Bart. Sein Vater war Rangiermeister. Ihn selber habe seit jeher die Technik fasziniert, mit der die riesigen Zugskompositionen angetrieben werden. Man merkt Vogt die Faszination an. Rasch kommt er ins Erzählen, berichtet zum Beispiel, dass er als Leiter Montage Spezialfahrzeuge am Bau und der Lieferung von sieben Zahnradlokomotiven beteiligt war, die Stadler 2012 nach Brasilien verschiffte.
Mit einem Gewicht von jeweils 120 Tonnen und einer Leistung von 6800 PS sind sie die stärksten Zahnradloks der Welt. In Wil hat es Vogt mit wesentlich leichteren Zügen zu tun. Gut 64 Tonnen bringen die dreiteiligen Gelenkzüge der Frauenfeld-Wil-Bahn jeweils auf die Waage. Insgesamt sind fünf davon im Einsatz. Seit 21 Jahren arbeitet Vogt bei Stadler. Angefangen hat er im Schienenfahrzeugbau in Bussnang, wo er alles «von Grund auf gelernt habe». Seit 2012 ist er in der Service-Division tätig. Dieser Bereich sei in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Heute beschäftigt Stadler Service-Teams an 30 Standorten in 14 Ländern. In England hat Stadler gar den kompletten Service des Bahnbetreibers Merseay Travel übernommen.

Auf Gleis 55 fährt ein Zug durch die Waschanlage in die Werkhalle. Nebendran stehenzwei Waggons der Matterhorn-Gotthard-Bahn, die für die katalanische Eisenbahn umgebaut werden.

1200 Volt unter dem Dach
Zurück nach Wil: Drei Gleise ziehen sich durch die Werkhalle. Jetzt nach 8 Uhr sind alle besetzt. Auf Gleis 53, dem sogenannten Grubengleis, ist gerade ein Zug im Service: Roman Zirnsak steigt in den Schacht hinunter, von wo aus er die Unterseite kontrolliert. Er prüft, ob die Bremsklötze richtig befestigt sind. Währenddessen bringt eine Equipe den Innenraum auf Vordermann. Die sogenannte Brücke, die sich auf Höhe des Zugdachs befindet, erreicht Zirnsak nur durch eine mehrfach gesicherte Tür. Für die Werkstattarbeiter ist sie quasi eine Lebensversicherung. Unter der Decke verlaufen nämlich auch hier in der Werkhalle Oberleitungen mit einer Spannung von 1200 Volt. Nur wenn die Verbindung getrennt ist, lässt sich die Türe zur oberen Etage öffnen.

Vom Schacht aus prüft Roman Zirnsak die Unterseite eines Zuges der Frauenfeld-Wil-Bahn.

«Instandhaltung 4.0»
Roman Zirnsak prüft, ob die Anpresskraft des Stromabnehmers in Ordnung ist. Neben ihm beobachtet Praktikant Reto Hagen jeden Handgriff des erfahrenen Mechatronikers und macht sich auf seinem Tablet Notizen. Es fällt allgemein auf: Die Mechaniker haben eher Tablets und Laptops in der Hand als schweres Werkzeug. «Instandhaltung 4.0», nennt Michael Vogt dieses Phänomen. «Auch wir bewegen uns immer stärker in der digitalen Welt.» Für ihn, der sich gerne die Hände dreckig mache, sei das natürlich eine Umstellung. Es habe aber durchaus Vorteile, dass heute ein Grossteil der Züge mit Sensoren überwacht werde. Wir können viel gezielter eingreifen. Häufig können wir ein abgenutztes oder defektes Bauteil sogar auswechseln, bevor es ausfällt.»

 

Roman Zirnsak (rechts) prüft die Anpresskraft des Stromabnehmers, Reto Hagen macht sich auf dem Tablet Notizen.

Nur noch selten Unfälle
War die Frauenfeld-Wil-Bahn früher häufig von Unfällen betroffen, sei dies heute nur noch ganz selten der Fall. Eigentlich ein Wunder, wenn man bedenkt, dass die «Zebras» zwischen Frauenfeld und Wil an Garagenausfahrten von Einfamilienhäusern vorbeifahren, zahlreiche Strassenkreuzungen und sogar Kreisel passieren. Durch zusätzliche Schranken und Blinklichtanlagen konnte die Sicherheit in den letzten Jahren stark verbessert werden. Wenn etwas passiere, handle es sich meistens um leichte Streifkollisionen, sagt Michael Vogt. Verursacht würden sie grösstenteils von ortsunkundigen Personen. «Die Anwohner der Frauenfeld-Wil-Strecke haben den Fahrplan regelrecht im Blut und wissen, wann und wo sie besonders aufmerksam sein müssen.»

Über Wil nach Katalonien
Die Instandhaltung der Frauenfeld-Wil- Bahn ist nur ein Teil der Aufgabenbereiche von Michael Vogt und seinem Team – wenn auch der grösste. Auf dem mittleren Gleis der Werkhalle, Gleis 54, stehen zwei ältere Wagons der Matterhorn-Gotthard-Bahn. «Diese Wagen werden einst Schneesportler in die spanischen Berge befördern», sagt Vogt nicht ohne Stolz. Die katalanische Eisenbahn hat die Wagen gekauft und lässt sie von Stadler modernisieren. Ausgeschlachtet sind sie bereit. Nun folgt der Umbau. «Wir sind eine Werkstatt für alle möglichen Bahnen, die wie die Frauenfeld- Wil-Bahn auf einer Meterspur unterwegs sind», erklärt Vogt. Für ihn und sein Team sei das eine gute Abwechslung. So werde die Arbeit nicht plötzlich zur Routine. «Der Kopf muss in jedem Moment und bei jedem Arbeitsschritt eingeschaltet sein.»

«Macht uns stolz»
Noch bis 2030 läuft der Zusammenarbeitsvertrag zwischen Stadler und der Frauenfeld-Wil-Bahn. Die Arbeit wird Michael Vogt und seinem Team also nicht so schnell ausgehen. Im Gegenteil: Im Rahmen des Ausbauschritts 2030/35 soll der Takt der Frauenfeld- Wil-Bahn weiter verdichtet werden. «Die weiss-rote Bahn hat hier in der Region schon eine grosse Bedeutung. Dass wir ein Teil davon sind, macht uns natürlich stolz», sagt Vogt, der selber täglich mit dem Thurbo zur Arbeit kommt. Für ihn die ideale Methode, sich auf den Arbeitstag einzustimmen: «Einfach normal Zug fahren geht bei mir nicht», gibt er zu. «Auch wenn ich es sehr geniesse. Ein Ohr von mir lauscht immer, ob der Zug sauber auf den Schienen läuft.»

 

(Text: Cyrill Rüegger, Bilder: Leo Boesinger)