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Das Tor in die Welt geöffnet

1869 wurde der erste Güterwaggon über den Bodensee verschifft. Im gleichen Jahr ging das erste Teilstück der Seelinie in Betrieb. Das doppelte 150-Jahr-Jubiläum gibt Gelegenheit, auf die ereignisreiche Geschichte zurückzublicken.

Schiff und Bahn waren der Motor einer ungeahnten Entwicklung: Romanshorn wurde dank der Güter-Trajektschiffe zum Brückenkopf für Verbindungen über den Bodensee.

Massiv gebaut, fünfzig Meter lang, ragt es ein Stück weit in das grosse Romanshorner Hafenbecken hinein: das alte Zollhaus. 1850 gebaut, steht es für ein prägendes Kapitel der Geschichte der «Stadt am Wasser», die einst ein beschauliches Fischerdorf war. Bis der Verkehr zu Wasser und auf der Schiene den Aufschwung brachte. Schiff und Bahn waren der Motor einer ungeahnten Entwicklung, das Dampfzeitalter und der aufkommende Güterverkehr der Taktgeber des Booms. Das kleine Dorf wurde zum Brückenkopf für Verbindungen über den Bodensee, der bis anhin als Grenze und Hindernis wahrgenommen worden war. Der Güter- Trajektverkehr übers Wasser eröffnete Romanshorn 1869 plötzlich das «Tor in die Welt». Dabei hätte alles auch anders kommen können, und Romanshorn wäre eine verschlafene Fischersiedlung geblieben.

Stolzes «Bähnlerdorf»
Max Brunner schreitet die breite Steintreppe hoch. In einem überschaubaren Teil des Zollhaus-Dachgeschosses befindet sich das Museum am Hafen. Seit zehn Jahren präsidiert der ehemalige Gemeindeammann die Museumsgesellschaft. Hier taucht der Besucher ein in 4000 Jahre Ortsgeschichte – wenn man das entsprechend datierte Beil aus der Steinzeit grosszügig zuordnet, das am Ufer vor Kesswil gefunden wurde. Die Stadt zahlt die Miete für den Raum, der Verein führt den Betrieb. Er tut das mit viel Liebe, hegt unter dem Schrägdach als besonderen Schwerpunkt Exponate der Verkehrsgeschichte – im Haus, wo früher die Waren verzollt wurden. Darauf sind die Romanshorner stolz. Nicht von ungefähr heisst die Stadt, die für Züge und Schiffe ein strategischer Verkehrsknotenpunkt ist, im Volksmund «Bähnlerdorf».

Thurtallinie als Startrampe
Der Industrielle Alfred Escher, Vizepräsident der Schweizerischen Nordostbahn (NOB), und Minister Johann Konrad Kern hatten sich starkgemacht für den Bau der 1855 eröffneten Thurtallinie von Zürich via Winterhur bis nach Romanshorn. Sie schuf erst die Voraussetzung für den Weitertransport der Waren in den Güterwagen über den See, die eine Lok über eine Rampe direkt auf die Schiffe rangierte. Damit entfiel das zeitaufwendige Umladen der Güter, die von den «Träglern» auf die Lastkähne geschleppt wurden. Die Belader, die im Akkord arbeiteten, verloren die Arbeit, als ab 1869 Güterwagen direkt auf den Schiffen übersetzt wurden.

Die treibenden Kräfte der Thurtallinie wollten den Wirtschaftsraum Süddeutschland über den Brückenkopf Romanshorn erschliessen. Die Bahnlinie wurde zum Zubringer, weil ihre politisch schwergewichtigen Promotoren des NOB-Projekts die Nase knapp vorn hatten. Nur ein Jahr später war nämlich Rorschach via Winterthur– St. Gallen durch die Bahn von den Vereinigten Schweizerbahnen (VSB) erschlossen worden. Da war der Trajektzug bereits zugunsten von Romanshorn abgefahren. Friedrichshafen habe die nötige Infrastruktur zuvor vorbereitet gehabt und den Wettbewerb auf Schweizer Seite so mit entfacht, erzählt Max Brunner. Der Hafenbahnhof stand dort 1851 parat.

«Kohlefresser» ausgemustert
Nach und nach entstanden am See neue Trajektverbindungen. Die Lädinen, Lastensegler mit flachem Boden, mit denen seit dem Mittelalter der Handel über den See abgewickelt wurde, verschwanden. Die grossen Lastkähne waren zuletzt bis 30 Meter lang und konnten 120 Tonnen Fracht befördern. Als Segner bezeichnete man die kleineren Schiffe. Der Beginn des Dampfschiffzeitalters kurbelte die Entwicklung an. Nicht alle Neukonstruktionen waren bahnbrechend. So verkehrte ein mächtiges, von «Escher & Wyss» gebautes Dampftrajektschiff nur 13 Jahre lang nach Friedrichshafen (1869 bis 1882). Fast eine Tonne Kohle pro Überfahrt wurde benötigt, was sich als nicht wirtschaftlich erwies. So wurde der «Kohlefresser » bald ausgemustert. Bei seinem grossen Tiefgang hatte es Lindau erst gar nicht anlaufen können. Kleinere Dampfer wurden als Zugschiffe eingesetzt, die bis zu drei Holzkähne mit Güterwagen in Schlepp nahmen. Da sei es mitunter vorgekommen, weiss Brunner, dass bei Winterkälte das bis 80 Meter lange Zugseil gefror und brach.

Später verkehrten Motortrajektschiffe über den See. In der Regel hatten auf dem Deck acht Güterwaggons auf zwei parallelen Gleisen Platz. Bis zu zwei Dutzend der durchnummerierten Motorkähne standen im Einsatz. Nicht immer ging alles glatt. So hatte 1930 in Romanshorn eine Rangierlok die Güterwagen auf das Trajektschiff geschoben, das an der Brücke nicht richtig vertäut gewesen war und sich löste. Die Lokomotive zur Hälfte und vier Güterwagen, beladen mit Zucker, plumpsten ins Hafenbecken. Dadurch, so heisst es, sei aus dem Schwäbischen Meer ein Süsswassersee geworden. Im Frühjahr 1976 beförderten die SBB die letzten Güterwagen über den See. Seither ist der Trajektverkehr Geschichte.

Max Brunner, Präsident des Romanshorner Vereins «Museum am Hafen», mit einer Aufnahme von 1930: Sie zeigt, wie mit Zucker beladene Güterwagen ins Hafenbecken geplumpst sind.

Beinahe anders gekommen
Die Epoche um die Mitte des vorletzten Jahrhunderts sei von einem grossen Fortschrittsglauben und rasanten Aufschwung geprägt gewesen, sagt Max Brunner. Eine Landstrassenverbindung von Amriswil nach Romanshorn bestand schon seit 1839, bevor 1855 die Bahn durchs Thurtal herangeführt und 1869 der Gütertrajektbetrieb aufgenommen wurde. Im selben Jahr erlebte die Region die Eröffnung der Bahnlinie zwischen Romanshorn und Rorschach, das erste Puzzle der Seelinie. Nur zwei Jahre später befuhren die Züge die erweiterte Strecke bis Konstanz. So logisch diese Trasseeführung dem See entlang aus heutiger Sicht scheint, so selbstverständlich war das damals nicht. Voraus war nämlich ein erbitterter Kampf um den Trasseeverlauf der Linie entbrannt. Vom Scheitel Amriswil sollte die Ostachse durch Egnach nach Rorschach, die Westachse über den Seerücken nach Kreuzlingen/Konstanz geführt werden. So wollte es Eduard Häberlin, der politisch eine grosse Machtfülle besass und zudem Nordostbahn- Direktor war. Romanshorn fühlte sich durch Häberlins Pläne düpiert. Ein Komitee um Regierungsrat Gottlieb Labhardt jedoch widersetzte sich erfolgreich und verhalf einer seenahen Variante mit dem Knoten Romanshorn zum Durchbruch.


Am ersten Mai-Wochenende (4. und 5. Mai 2019) steigt das Jubiläumsfest «150 Jahre Seelinie und Trajekt» unter dem Motto «Ein See, drei Länder, sieben Städte ». Beteiligen werden sich Romanshorn, Kreuzlingen/Konstanz, Rorschach, Bregenz, Lindau und Friedrichshafen mit vielen attraktiven Veranstaltungen: von Ausstellungen über Rundfahrten bis zum Sonderbriefmarkenverkauf. Eine Eventfähre verkehrt auf dem oberen Bodensee. Thurbo bietet Sonderfahrten bis Lindau an, die SBB lassen zwischen Kreuzlingen und Rorschach den neuen Fernverkehrs- Doppelstockzug verkehren. Im Rahmen einer Spezialaktion können alle Festplätze für 20 Franken (mit Halbtax) besucht werden: Das BODENSEE TICKET für die Zone «1 OST» gilt am Samstag, 4. Mai oder Sonntag, 5. Mai für das ganze Gebiet. Weitere Infos: www.bodensee-150jahre.com

(Text: Max Eichenberger, Bilder: Archiv Museum am Hafen Romanshorn, Max Eichenberger)